Hermann Schulze-Delitzsch, geboren am 29. August 1808 in Delitzsch, war ein Pionier des deutschen Genossenschaftswesens. Er gilt als einer der „Gründerväter“ dieser Bewegung und setzte Anfang 1849 einen entscheidenden Schritt mit der Gründung von gewerblichen Genossenschaften. Diese Initiative markiert den Beginn der modernen Genossenschaften in Deutschland, wie MDR berichtet.
Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Leipzig, Halle und Naumburg kehrte er 1840 nach Delitzsch zurück, um die Patrimonialrichterstelle zu übernehmen. Sein Engagement erstreckte sich über verschiedene Bereiche, einschließlich der gründung einer Tischler- und einer Schuhmacher-Assoziation im Jahr 1849. Diese Vereine dienten der Organisation und Unterstützung von Handwerkern während der industriellen Revolution, die viele in Delitzsch verarmte.
Die Entwicklung der Genossenschaften
Schulze-Delitzsch entwickelten ein Netzwerk sich ergänzender Genossenschaften, das zur Gründung von Vorschussvereinen führte, Vorläufern der heutigen Volksbanken. Diese frühen Banken ermöglichten Handwerkern die Kreditversorgung und waren eine Antwort auf die Notlage vieler Arbeiter zu jener Zeit, die von der Industrialisierung betroffen waren. Der Begriff „Volksbank“ wurde bekannt durch seine 1855 veröffentlichte Arbeit „Vorschuss- und Kreditvereine als Volksbanken“, wie genostory hervorhebt.
1849 begründete er die Regeln und Prinzipien des Genossenschaftswesens und brachte 1867 das erste preußische Genossenschaftsgesetz auf den Weg, das seine Bestrebungen offiziell anerkannte. Bis 1865 stieg die Zahl der Vorschussvereine auf rund 1.000, was seine weitreichende Wirkung und den Bedarf an dieser Form der Unterstützung verdeutlicht.
Gesellschaftliches Engagement und politische Ansichten
Schulze-Delitzsch war auch politisch aktiv. Er lehnte staatliche Unterstützung ab und propagierte die Idee der „Hilfe durch Selbsthilfe“. Seine Überzeugungen fanden Anklang unter den Zeitgenossen, wie der Sozialist Ferdinand Lassalle, der Zuschüsse für Genossenschaften befürwortete. Beide betonten die zentrale Rolle der Mitbestimmung und Teilhabe in der Gesellschaft. Historiker Ralf Hoffrogge weist darauf hin, dass die innere Demokratie in Genossenschaften entscheidend für die politische Gestaltung war. Genossenschaften lebten von Partizipation und Demokratie, was den Mitgliedern half, Forderungen nach außen zu artikulieren, so erläutert Deutschlandfunk Kultur.
Hermann Schulze-Delitzsch starb am 29. April 1883 in Potsdam, doch sein Vermächtnis lebt weiter. Heute gehören etwa 22 Millionen Menschen in Deutschland einer Genossenschaft an, global sind es rund eine Milliarde Mitglieder. Die von ihm gegründeten Modelle der Selbstorganisation und der Genossenschaftsidee haben die sozialökonomische Landschaft erheblich geprägt und bleiben auch in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Herausforderungen von Bedeutung.
Sein Engagement in der Genossenschaftsbewegung wurde über die Jahrzehnte hinweg immer wieder als ein Beispiel für innovative Ansätze zur Stärkung der sozialen und wirtschaftlichen Rechte der Menschen gewürdigt. Die Genossenschaftsform als alternative Wirtschaftsform für Mitbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe ist nach wie vor relevant.